LH-Roman: App-Flug in ein neues Leben

Frankfurt, Birmingham, danach im Zickzack Helsinki, Nizza, Marseille und schließlich wieder Frankfurt – als Tom die Wohnungstür hinter sich schloss, war er froh Ruhe zu haben. Es hatte bei diesem Umlauf genug Überraschungen gegeben, die er in seinem eigenen Bett gerne überschlafen wollte. Andererseits trennte er sich mit ein wenig Wehmut von einem Team, mit dem es Spaß gemacht hatte wechselweise zu arbeiten und frei zu haben.

Tom legte seine Geräte nebeneinander auf dem Schreibtisch ab und sah die Nachrichten, die er auf dem Heimweg nur überflogen hatte, in Muße durch. Fabi, Paula, seine Mutter, Mark und sogar ein kurzer Abschiedstext von Claudia und Ina…

Dann checkte er wie üblich die Zahlenfolge der App. Seit nunmehr drei Monaten war sein Leben sichtbar angezählt. Mark mahnte ihn weiterhin der Sache auf den Grund zu gehen und zu prüfen, wer sich hinter der mysteriösen Software verbarg. Doch Tom verspürte nach wie vor keine Lust, irgendwelche IT-Spezialisten einzuschalten, zumal er an Marks Verschwörungstheorien nicht glaubte. Bei LH war er ein winziges Rad im Getriebe, dessen verbleibende Lebenszeit eigentlich nur für die Rentenversicherung oder die Krankenkasse von Interesse sein konnte.

Tom faszinierte vielmehr, was die Endlichkeit mit ihm machte, wie sie ihn täglich umformte. Allein, dass er in seinem Beruf Sicherheit vermitteln konnte. In den zurückliegenden Wochen war es wiederholt vorgekommen, dass Kollegen und Fremde ihm sagten, er wirke so wunderbar ausgeglichen. Gelassen. Beneidenswert ruhig. Mancher, der ihn besser kannte, fragte, wie er das hinkriege so kurz nach seiner Trennung.

Klar, er war immer schon ein disziplinierter und verantwortungsvoller Mensch gewesen. Er blieb es weiterhin, doch weniger in dieser artigen Beflissenheit, über die sich Tom häufig genug selber geärgert hatte. Paula hatte an dieser Schraube zu drehen gewusst, indem sie ihm in ihrer Ehe vorgeworfen hatte, auf seine Umgebung immer nur zu reagieren, anstatt aus sich heraus die Dinge anzugehen.

So ganz hatte er damals nicht nachvollziehen können, was sie meinte. Und hatte es als die übliche Stichelei abgetan. Jetzt verstand er es, obgleich ihm schwerfiel, dies zuzugeben. Denn sachte und versteckt war in ihm eine Wandlung vor sich gegangen, die er erstmalig auf dem Flug nach Tel Aviv wahrgenommen hatte. Eine Wandlung, die aus ihm einen ganz neuen Menschen zu machen schien.

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